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Bullwhip-Effekt

Der aus der Kinematik des Peitschenschlags abgeleitete Begriff Peitscheneffekt, welcher in der Biomechanik und in den Wirtschaftswissenschaften gebräuchlich ist, beschreibt die Verstärkung eines Eingangssignals in einer Funktionskette. Die Reaktion jedes Folgegliedes dieser Funktionskette ist stärker, als dies die Aktion auf das Vorhergehende augenscheinlich erwarten ließe.


Peitscheneffekt im Sport

Kinematisch ist der Peitscheneffekt, der in verschiedenen Sportarten zur Bewegungsbeschleunigung eingesetzt wird dem Peitscheneffekt der Peitsche ähnlich, wenn sich auch Bewegungsmuster und Abläufe, abhängig von der Sportart, sehr unterscheiden können. Auch ist das Ziel der Bewegungsbeschleunigung nicht immer gleich. Beim Speerwurf wird beispielsweise der Peitscheneffekt zur Erzielung einer Maximalgeschwindigkeit der Funktionskette Rumpf/Oberkörper/Oberarm/Unterarm/Hand eingesetzt, um eine hohe Endgeschwindigkeiten zu erreichen. Bei anderen Sportarten, wie beispielsweise dem Schwimmen, Golf oder dem Tennissport, wird dieser Effekt genutzt, um mit einem geringem Kraftaufwand hohe Beschleunigungen bei harmonischen Bewegungsabläufen zu erzielen. So sind beispielsweise, beim Tennissport, die von Kindern und Jugendlichen erzielten Ballgeschwindigkeiten, durchaus mit denen weniger gut trainierter Erwachsener vergleichbar, obwohl die Muskelmasse der Kinder im allgemeinen deutlich geringer der Muskelmasse der Erwachsene ist.
Kinematik der Bewegungsabläufe

Beim Sport wird, anders als bei der Peitsche, die Bewegungsbeschleunigung nicht durch die Übertragung einer konstanten kinetischen Energie auf eine stetig geringer werdende Restmasse erreicht, sondern durch die Übertragung dieser Energie auf Glieder einer Funktionskette mit festgelegter geringer werdender Masse.

So ist das Massesystem Oberkörper/Oberarm/Unterarm/Handgelenk, mit unter Umständen sportartspezifischen fixierten Kopplungen der Kettenglieder, durch eine von innen nach aussen geringer werdende Masse der einzelnen Elemente ausgezeichnet. Beim Peitscheneffekt wird hierbei die kinetische Energie schrittweise auf die einzelnen Elemente übertragen, unterstützt durch aktive Beschleunigung (Krafteinsatz) und aktive Gelenkversteifung im Augenblick maximaler Bewegungsgeschwindigkeit des jeweiligen Kettengliedes.[3] Ein effektiver "lockerer" Bewegungsablauf lässt sich nur bedingt trainieren, gerade bei Sportarten mit ständig, je nach Anforderung anzupassenden Bewegungsabläufen, wie Tennis, Golf, Volleyball, ist eine gewisses Maß an Talent und frühkindlicher Bewegungsschulung erforderlich. Der Spieler hat dann den "Touch", das Gefühl wie er den Bewegungsablauf anpassen muss, um optimale Ergebnisse bei Beschleunigung und Treffgenauigkeit zu erzielen.
Peitscheneffekt in den Wirtschaftswissenschaften

Der Peitscheneffekt der in den Wirtschaftswissenschaften auch Forrester-Aufschaukelung, Bullwhip-Effekt oder Whiplash-Effekt genannt wird, stellt ein zentrales Problem im Lieferkettenmanagement (Supply Chain Management) dar, der sich aus dynamischen Prozessen der Lieferketten ergibt. Er beschreibt, dass die unterschiedlichen Bedarfsverläufe bzw. kleine Veränderungen der Endkundennachfrage zu Schwankungen der Bestellmengen führen, die sich entlang der logistischen-Kette wie ein Peitschenhieb aufschaukeln können. Das um 1960 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelte Bierspiel greift diese Problematik spielerisch auf.
Ursachen und Folgen

Falsche Prognosen über die Höhe der Nachfrage und Informationsasymmetrien entlang der Logistikkette führen dazu, dass auf jeder Stufe der Logistikkette Sicherheitsbestände erhöht werden, da kein Mitglied der Lieferkette Gefahr laufen möchte die zukünftige Nachfrage nicht befriedigen zu können. Ursächlich hierfür ist, dass jeder Partner einer logistischen Kette nur die Bedarfe kennt, die ihm von seinem Kunden direkt gemeldet werden. Jede Stufe erstellt somit autonom ihre eigenen, lokalen Prognosen. Um Fehlbestände zu vermeiden, wird auf jeder Stufe ein Sicherheitsbestand auf Lager gehalten, der wiederum die Kapitalbindungskosten nach oben treibt.

Bündelbestellungen haben zur Folge, dass Bestellungen in größeren Mengen aufgegeben werden, um bestellfixe Kosten zu senken und Mengenrabatte oder Staffelpreise zu nutzen. Daher folgen auf Perioden ohne Bestellung Perioden mit einer großen Bestellmenge. Zulieferer fördern diese Schwankungen durch die Gewährung von Mengenrabatten. Abhängig vom gewählten Prognoseverfahren können diese Ausreißer in der Bestellhöhe wiederum zu falschen Prognosen hinsichtlich zukünftig zu erwartender Nachfrage führen.

Preisschwankungen zwischen den einzelnen Stufen der Lieferkette können ebenfalls zu Schwankungen der Bestellmengen führen. Vermutet beispielsweise ein Abnehmer steigende Preise, so ist damit zu rechnen, dass die momentane Nachfrage steigt und sich der Abnehmer Vorräte anlegt, die nicht auf die aktuelle Nachfragesituation abgestimmt sind. Infolgedessen wird sein Bedarf in den nächsten Perioden geringer ausfallen und sich dadurch die Bestellintervalle verlängern.

Befürchtete Knappheit und Versorgungsengpässe, also irrationales Verhalten in Form von „Hamsterkäufen“, verleiten Abnehmer in der Regel ebenfalls zu großzügiger Planung der Bestellmengen. Diese Zuschläge summieren sich über mehrere Stufen der Lieferkette wiederum zu großen Nachfragebooms auf. Bleibt dann jedoch der Engpass aus, decken die Unternehmen ihre Bedarfe zunächst aus den angelegten Beständen, was wiederum zu einer Verlängerung der Bestellintervalle führt.

Die Konsequenzen des Peitscheneffektes sind Perioden von übervollen Lagern gefolgt von Perioden der Knappheit, da entweder zu viel oder zu wenig produziert wird. Das führt zu schlechtem Lieferservice, verlorenen Einnahmen und ineffizienten Transporten.
Gegenmaßnahmen

Meistens führt mangelnder Informationsfluss zwischen den beteiligten Unternehmen in der logistischen Kette zu oben genannten Ursachen. Daher zielen die Gegenmaßnahmen auf den verbesserten Austausch von Informationen ab. Eine Initiative, die hierauf abzielt, ist beispielsweise das Collaborative Planning, Forecasting and Replenishment (CPFR). Dabei werden beispielsweise Point-of-Sale-Daten direkt als Informationsquelle durch Hersteller genutzt. Ein Hersteller ist dann nicht auf indirekte Informationen durch Bestellungen von Händlern angewiesen, sondern kann direkt auf Endkundennachfragen reagieren.

Um die Auswirkungen gebündelter Bestellungen auf die Bestellschwankungen abzufedern, können die operativen Prozesse so gestaltet werden, dass sie Bestellschwankungen reduzieren. Beispielsweise werden im Einzelhandel Produkte auf Mischpaletten angeliefert, also verschiedene Produkte auf der gleichen Palette. Damit sinkt die Liefermenge des einzelnen Produktes, da ja keine ganze Palette, sondern nur ein Teil einer Palette angeliefert wird. Gleichzeitig wird die Lieferfrequenz bezogen auf das einzelne Produkt erhöht, wenn häufiger Mischpaletten geliefert werden. Die einzelne Filiale erhält so zwar weniger Menge eines einzelnen Produktes pro Lieferung, durch die häufigere Belieferung bleibt die Summe aber gleich. Eine häufigere Belieferung hat den Vorteil, dass schneller auf Schwankungen in der Endkundennachfrage reagiert werden kann. Gleichzeitig ist der benötigte Sicherheitsbestand zur Absicherung gegen zukünftige Nachfrageschwankungen geringer und damit auch mögliche Bestellschwankungen.

Als Gegenstrategie zu Bestellschwankungen durch Preisfluktuationen werden Everyday Low Prices (EDLP) angeführt, d.h. stets gleich bleibende Preise. Es sollte hierbei jedoch beachtet werden, dass z.B. Promotions, welche starke Preisschwankungen darstellen, ein wichtiges Absatzinstrument sind. Unerwünschten Effekte (Kunden: Vorratskäufe, Substitutionskäufe, … Hersteller: Produktionsengpässe, Absatzschwankungen, …) können durch koordinierende Maßnahmen abgemildert werden (Efficient Promotion). Weiterhin ist zu beachten, dass die Effekte von Preisfluktuationen auch durch Preismaßnahmen der Konkurrenz auftreten können, d.h. unveränderte eigene Preise werden durch die Kunden als relativ zur Konkurrenz verändert wahrgenommen.

Um Versorgungsengpässe durch Hamsterkäufe zu vermeiden, sollten im Falle eines Engpasses Zuteilungen der knappen Produkte zum Beispiel anhand historischer Nachfragen erfolgen. So hat kein Kunde einen Anreiz für übertriebene Bestellungen. Wenn der Kunde weiß, dass er nur das gleiche bekommt wie im Vorjahr, dann kann er die gelieferte Menge nicht durch Bestellungen beeinflussen. Weiß der Kunde hingegen, dass er nur die Hälfte bekommt, so wird er das Doppelte vom Benötigten bestellen.

Quelle:Wikipedia